Tell me what you want – Darina Peeva und Michael Wegerer im Künstlerhaus

Darina Peeva, „Verspiegelten Objekt”, 2014. Foto: © Darina PeevaWIEN. Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung Tell me what you want (17. Oktober bis 9. November 2014) im Künstlerhaus (Karlsplatz 5, 1010 Wien) ist einerseits der künstlerische Dialog von der bulgarischen Künstlerin Darina Peeva und des Österreichers Michael Wegerer, andererseits der Bezug ihrer Arbeiten zueinander und zur Architektur der Ausstellungsräume. Auffällig ist, dass zwei große Namen der Kunst- und Literaturgeschichte in der Schau hervorgehoben sind: Stéphane Mallarmé (1842-1898) und Marcel Duchamp (1887-1968). Ein philosophisch-intellektueller Rundgang ist zu erwarten.


Programmatisch hat Darina Peeva direkt am Anfang der Ausstellung eine Hommage an Marcel Duchamp, Mitbegründer der Konzeptkunst und Wegbegleiter des Dadaismus und Surrealismus, gerichtet. In ihrer Arbeit Hologram - XIII hat sie das Fahrrad-Rad (1913) von Duchamp in ihr Bild integriert. Das Fahrrad-Rad gilt als das erste Ready-Made, das erste Objet trouvé, das in einem künstlerischen Zusammenhang hergestellt und präsentiert wurde. Als Alltagsgegenstand wurde es dadurch in einen anderen Kontext gestellt und auf eine andere inhaltliche - eine künstlerische - Ebene gehoben wird.

Darina Peeva, Lichtobjekt, 2014. Foto: © Darina PeevaWie kam Duchamp auf diese Idee? Verkürzt gesagt geht das Ganze zurück auf den französischen Dichter Lautréamont (1846-1870), der mit seinem Werk Die Gesänge des Maldoror (Les Chants de Maldoror; 1869) großen Einfluss auf den rund fünf Jahrzehnte später entstehenden Surrealismus ausüben sollte. Speziell eine Metapher, die er formuliert hatte, war hier entscheidend: Lautréamont beschrieb einen jungen Mann folgendermaßen: „Schön wie die Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch. Diese Formulierung sollte später aus der Programmatik des Surrealismus nicht mehr wegzudenken sein. Dinge, die erst einmal offensichtlich nichts miteinander zu tun haben zu kombinieren und auf diesem Weg etwas Neues - im Bereich des phantastisch-traumhaften liegend - zu schaffen.

Darina Peevas Kunst knüpft in gewisser Weise an diese Ideen an. Auch sie verwendet für ihre Arbeiten Dinge, die real vorhanden sind und uns im Alltag begegnen, für die Kreation neuer Bildräume, die die menschliche Wahrnehmung herausfordern. Oftmals entscheidet sie sich für Spiegel und Spiegelfolien als künstlerisches Material. Ihre grafischen, malerischen und objektinstallativen Arbeiten spiegeln Geschichten und Sachverhalte und überführen sie experimentell in einen neuen Sinnzusammenhang, in einen neuen Kontext von Wirklichkeit.

Die Arbeit mit dem Titel Foreign Intervention, in der das skripturale Kürzel „trust me aufscheint, erinnert formal an ein surrealistisches Bildsujet. Gerade deshalb sollte man dem verspiegelten Guckloch trotz der Aufforderung ‘zu vertrauen‘, nicht trauen. Räumlich gegenüber hängt ein zylindrisches Spiegelobjekt von der Decke, das beim Vorbeigehen eine Art Stroboskopeffekt hervorruft und damit an den Beginn der Kinematografie erinnert. Wer kennt sie nicht, die historischen Praxinoskope und Zootrope, auch Wundertrommeln genannt, in denen die Bilder laufen lernten: Der Blick durch vertikale Schlitze in der Außenwand ihrer Zylinder auf Bildabfolgen, ermöglicht bei Drehung des Gerätes das Erkennen eines simulierten Bewegungsablaufs. Hier wie auch bei Peevas Arbeiten steht einmal mehr das Thema der menschlichen Perzeption, das Überlisten der Wahrnehmung, das Schaffen neuer Realitätsebenen im Vordergrund. Ein Gegenüber findet sich im zweiten Ausstellungsraum: Eine Papierarbeit der Serie Hologram von Darina Peeva hat Michael Wegerer - die Zylinderform aufgreifend - zu einem Halbrund gebogen und an der Wand präsentiert. Gegenüber ein weiteres Blatt aus der Serie, in dem Peeva schmale vertikale Partien herausgeschnitten hat, die Assoziationen an die Sehschlitze des Praxinoskops wachrufen.

In der Installation Neon, deliniert Peeva das Wort Speculation in seinen unterschiedlichen Bedeutungsebenen durch: Im Sinne von Einbilden, Vermuten, Erwarten, aber auch Beobachten und Spiegeln, Theoretisieren, Illusionieren und Phantasieren. Diese verschiedenen Ebenen verdeutlicht die Künstlerin formal durch das Übereinanderschlichten einzelner Elemente der Installation, die gleichsam den Blick in die Tiefe, den Blick in den Raum vorbereiten.

Michael Wegerer und „Mirror Desk” (China Paper Sculpture, Glass, Furniture). Foto: © Darina PeevaZum Prinzip Michael Wegerers Kunst gehört der Begriff der Transformation. Der Künstler verwandelt oder wandelt um. Er transformiert Text, Bild, Objekte aber auch prozessuale Vorgänge von einem Medium ins andere. Ihm geht es in seiner Kunst immer auch dezidiert um die menschliche Wahrnehmung, um das Aufzeigen von Prozessen individueller Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung.

Der eingangs erwähnte Stéphane Mallarmé begegnet uns bei Michael Wegerer. Mallarmé, auch eine Figur des 19. Jahrhunderts, gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen Lyrik. Viele seiner Ideen wurden später von Vertretern des Dadaismus und Surrealismus aufgegriffen und weiterentwickelt. Eines seiner Gedichte war in diesem Zusammenhang besonders wichtig: Un coup de dés jamais n’abolira le hazard / Ein Würfelwurf niemals tilgt den Zufall (1897). Das Gedicht legte erstmals mehr Wert auf die Positionierung der Wörter auf dem Blatt, ihre lautbildlichen Qualitäten und das gesamte Layout des Buches als auf den Inhalt des Textes, der sekundär wird.

Ein ganz wichtiger Aspekt, den Michael Wegerer in seiner Wandarbeit Mallarmé Rewritten aufgreift, ist der der Verräumlichung des Wortes. Die wichtigsten Aspekte der Verräumlichung Mallarmés Text sind das Weiß der Seite, die Einführung verschiedener Typographien mit funktionalem Charakter für die Wahrnehmung und die Handhabung des Wortes sowie des Buches insgesamt als Objekt. Diesen theoretischen Überbau nimmt Michael Wegerer unter die Lupe. Er schreibt mit einem Bleistift Teile des Gedichts der weißen Wand und somit der Architektur des Ausstellungsraums ein. Der Prozess, der der letztendlichen Installation vorangeht ist insofern interessant, als dass er das Gedicht Mallarmés auf eine neue formale wie auch gedankliche Ebene bringt.

Mittels ausgeschnittenen Buchstaben aus einer Ausgabe der Tageszeitung Der Standard baut Wegerer eine Seite von Mallarmés Gedicht frei nach. Aufgeklebt auf einen hölzernen Rundstab scannt er die Worte und unterschiedlich großen Buchstaben, die in einer verzerrten Form zutage treten. Der Zufall (le hazard), den der französische Schriftsteller in seinem Gedicht thematisiert, steht Wegerer hier ebenfalls zur Seite, denn der Grad der Verzerrung beim Scannen war nicht vorhersehbar. Die Scans wiederum übersetzt der Künstler zeichnerisch auf die Wand des Ausstellungsraums.

Michael Wegerer, 21 rotationally symmetric ellipsoids, 2014, Dispersion auf Gipsplatten. Foto: © Darina PeevaWegerers Zugang zur Malerei führt grundsätzlich über das Phänomen des Lichts. Beim Vorgang des Scannens wird Licht gegen die zu scannende Oberfläche gestrahlt. Den ausgestellten Scan-Paintings, von Hand ausgeführte Vierfarb- Siebdrucke, liegen als Ausgangsmaterial ebenfalls digital erfasste BilddatenScans-zugrunde.

In diesem Fall hat der Künstler verschiedene Scans von Neonlichtquellen gefertigt, die in ihrer Vergrößerung und handwerklichen Umsetzung auf transparentem Japanpapier einen malerischen Raum für sich beanspruchen und für Wegerer zudem den Status von Gemälden erlangen. Darina Peeva positioniert zwei der vierteiligen Arbeiten Wegerers gegenüber ihrem zylindrischen Verspiegelten Objekt, das das Raumlicht in sich aufnimmt und reflektiert, und setzt sie zueinander in Beziehung. Gleichzeitig korrespondieren die übereinander präsentierten Siebdrucke Wegerers in ihrer gleichmäßigen geometrischen Formgebung mit dem umlaufenden Wandfries.

Das Themenspektrum Spiegel kommt sowohl in den Arbeiten Peevas als auch Wegerers vor. Das vierteilige Scan-Painting Mirror ist räumlich auf einer diagonalen Blickachse mit dem Spiegelzylinder Peevas positioniert. Wegerer hat hier eine Spiegelfläche gescannt, die nach Abschluss des künstlerischen Prozesses zum Siebdruck als schwarze Fläche hervorgetreten ist. Erst im glasgerahmten Zustand erlangt das Ausgangsmotiv seinen Spiegeleffekt zurück.

Die aus 21 großformatigen Elementen bestehende modulare Arbeit Spacelines rundet die Ausstellung insofern ab, als die dargestellten grünen, schwarzen, roten und blauen Ellipsen in ihrer gesamten Abmessung die Länge aller vertikalen und horizontalen Raumkanten beschreiben. Im Unterschied zur Verräumlichung des Mallarmé- Textes transferiert Wegerer hier die Maße der dreidimensionalen Architektur in die Fläche. Die geschlichtete Präsentation der Module findet ihre Entsprechung in der eingangs besprochenen Installation Peevas, in der sie sich dem Begriff der Spekulation widmet. Die geschlossene ovale Kurve der Ellipse findet sich auch in zahlreichen Werken Peevas, wo sie in ihrer Farbigkeit an stilisierte Brennpunkte, kosmische Konstellationen oder Planetenbahnen erinnern.


Beide Künstler setzten Raum als Strategie und Werkzeug ein. So entsteht eine Art virtueller Raum der Bilder und Wörter, der viel Platz für Assoziationen bereithält.

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